Abstracts

Das Leben im Werk –  das Werk im Leben
Biographische Blicke auf Musik und Musiker der Renaissance

 

Einführung

Biographien sind ambivalent. Den einen gilt der Blick auf das Leben eines Menschen als hilfreiche, wenn nicht notwendige Voraussetzung, um sein Handeln, bei Künstlern auch sein Schaffen nachzuvollziehen, zu verstehen und historisch einzuordnen. Bei anderen steht dieser Blick im Verdacht, allgemeine Bedingungen und Strömungen – als dem Subjekt übergeordnete Faktoren – zu vernachlässigen, wenn er nicht gar als verzerrender Voyeurismus erscheint. Auch die Geschichte der Biographik pendelt zwischen den Polen der Suche nach Lebenszeugnissen und Lebensbezügen einerseits und dem Zurückdrängen personalisierter Aspekte zugunsten der Erfassung genereller Strukturen und Stile andererseits. In jüngerer Zeit schwingt das Pendel wieder zusehends zugunsten des reflektierten biographischen Interesses aus, obwohl oder gerade weil man sich des prinzipiellen Konstruktionscharakters einer Lebensbeschreibung bewusst ist.

Mit der Renaissance beginnen vermehrt Informationen zu Musikern als konkreten Menschen überliefert zu werden, auch wenn diese oft nur bruchstückhaft sind und ihre Zusammenstellung selten den Begriff Biographie rechtfertigt. Gleichzeitig fügen manche Komponisten ihren Werken verschlüsselte oder offene Hinweise zu sich ein und fordern uns auf, einen Bezug zwischen Autor und Werk herzustellen. Dieser Situation, angesichts von fragmentarischem Wissen Aussagen über das Leben von Komponisten zu machen, stellte man sich im Laufe der Jahrhunderte in unterschiedlicher Weise, und auch heute balanciert man zwischen gewagter hypothetischer Deutung und kühler Bestandsaufnahme.

 

Deutsch, Catherine
Music: A Biographical Source for Women's History? Insights from Maddalena Casulana

Despite the growing interest in the history of women musicians and composers over the past few decades, there remains a striking lack of information regarding early music. Writing a biography of a female musician from the Renaissance entails considerable obstacles, pushing to the limits our will to uncover and construct knowledge. On the one hand, it is rare to find musicians from this era—regardless of gender—whose careers can be reconstructed with continuity across their lifetimes. This challenge is further exacerbated for women musicians, whose names have often been erased from historical records, particularly in parish archives and court account registers. How, then, can we confront this absence of sources, and what narrative strategies should we employ? This presentation will explore these questions through the case of Maddalena Casulana, the first woman to publish music under her own name, and will advocate for the use of musical scores as crucial sources in the history of women.

 

Fuhrmann, Wolfgang

Selbstreferenz und (Pseudo-)Autobiographie in der Musik des Spätmittelalters

Literatur und Musik des 14. und 15. Jahrhunderts sind voller Anspielungen auf ihre Autoren. Die Personalpronomina "Je", "ich", "io", "ego", "I" etc. werden mit dokumentarisch belegten Namen in Verbindung gebracht. Freilich erleben solche Ichs oft Merkwürdiges: In Visionen und Träumen begegnen sie allegorischen Gestalten oder kommunizieren mit Heiligen. Statt ausschließlich nach autobiographisch Dokumentarischen zu fahnden (was sicherlich oft möglich und nötig ist), wird im Vortrag empfohlen, das Konzept der "Pseudo-Autobiography" im Sinne von Laurence de Looze in die Musikgeschichtsschreibung mit aufzunehmen. De Looze beobachtet, dass sich die Dichter selbst wie die Protagonisten eines Buchs beschreiben. Was bedeutet das für die Musikgeschichte?

 

Klinke, Marcel

Selbstreferenzialität und nationale Identität in den Messen Tomás Luis de Victorias
Bereits im ersten Druck seiner Messen, dem 1576 in Venedig erschienenen «Liber primus qui missas, psalmos, magnificat ad virginem Dei matrem […] aliaque complectitur», erweist der 1565 im Alter von 17 Jahren nach Rom übersiedelte Tomás Luis de Victoria seiner spanischen Heimat eine Reverenz, indem die drei hierin enthaltenen Parodiemessen allesamt auf Modelle spanischstämmiger Komponisten zurückgreifen, nämlich auf Motetten von Cristóbal de Morales, Francisco Guerrero und schließlich von Victoria selbst. Die hierin von ihm erstmals erprobte Selbstreferenzialität wird in der Folge zu einem Signum seines Messenschaffens: Von den insgesamt 16 Parodiemessen Victorias basieren nicht weniger als zwölf auf eigenen Vorlagen, neben zwei Antiphonen und einer Psalmvertonung vor allem Motetten. Ausgehend von dieser Auffälligkeit möchte ich in meinem Tagungsbeitrag der Frage nachgehen, inwieweit sich neben offenkundigen biographischen Wendungen wie seiner Rückkehr nach Spanien im Jahr 1587 oder der Praxis, seine Musikdrucke vornehmlich Mitgliedern des spanischen Kaiserhofes oder diesem nahestehenden Personen zu dedizieren, auch in der Musik der Messen selbst und dem Phänomen des Parodierens über eigene Vorlagen Spuren eines bewussten Einsatzes für die Etablierung bzw. Festigung einer dezidiert „spanischen“ Musiktradition finden lassen.

 

Knoth, Ina

Zwischen Biographieunwürdigkeit und Biographie- unmöglichkeit: Anfänge der Renaissancemusik(er)- reflexion im England des 18. Jahrhunderts

Anders als das öffentliche Musikleben hatte die Musiker*innen-Biographik in England keinen frühen Start: John Mainwarings Händel-Biographie von 1760 war vermutlich die erste ihrer Art in Bezug auf einen (gerade erst) verstorbenen Komponisten. Selbst die umfangreichen Musikgeschichten von Charles Burney und John Hawkins (vier- bzw. fünfbändig, beide 1776) können nur im weitesten Sinne auch als Geschichtsdarstellungen verstanden werden, die dem ‚Persönlichen‘ vergangener Musiker*innen, auch solchen aus der Renaissance, nachgehen. Dabei war die Form der Biographie bzw. häufiger Autobiographie in England in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten schon lange geläufig, wie etwa das Beispiel der erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckten Autobiographie des Musikers und Komponisten Thomas Whythorne (ca. 1576) deutlich macht.

Allerdings gehen auch die biographischen Aspekte in den Darstellungen Burneys und Hawkins’ weit auseinander. Der Vortrag widmet sich dieser Diskrepanz und fragt ausgehend von diesen beiden Musikgeschichten nach den wissenskulturellen Kontexten und Ursprüngen des jeweiligen Umgangs mit den in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erhaltenen und wiederentdeckten Quellen insbesondere zu englischen Musikern aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Sie werden einerseits in das musikbezogene Schrifttum, andererseits in die Club- und Academy-Praktiken im England des (17. und) 18. Jahrhunderts eingeordnet. Ziel des Vortrags ist, einer (möglicherweise) spezifisch englischen Form des beginnenden posthumen Interesses an Renaissancemusik und ihren Komponisten, das sich merklich von einem kontinentalen Konzept der ‚Biographiewürdigkeit‘ abhebt, näher zu kommen und diese gleichzeitig zu hinterfragen.

 

Kolb, Fabian

École Flamande – École Française – École Franco-Belge: Musik und Musiker der Renaissance im französischsprachigen biographischen Schrifttum des 19. Jahrhunderts

Der Beitrag richtet den Blick auf die Rezeption der Renaissance im Kontext des französischsprachigen lexikographisch-biographischen Schrifttums des 19. Jahrhunderts, insbesondere in Alexandre Étienne Chorons und François Joseph Fayolles Dictionnaire historique des musiciens von 1810/1811, Chorons und Adrien de La Fages Encyclopédie musicale von 1838 sowie François-Joseph Fétis’ Biographie universelle des musiciens von 1835–1844 und 21860–1865. Am Beispiel ausgewählter Artikel (speziell z. B. zu Dufay, Ockeghem, Josquin und Lasso) soll dabei neben allgemeinen Aspekten der zeitgenössischen Musikgeschichtsschreibung insbesondere auch die Frage nationaler Verortung und Vereinnahmung der musikalischen Exponenten des 15. und 16. Jahrhunderts zwischen Frankreich, Belgien und den Niederlanden aufgearbeitet und vor dem Hintergrund der (kultur-)politischen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts diskutiert werden.

 

Kropik, Cordula

Das Leben der Anderen. Zur Relation von Ich-Aussage und Komponistenname bei Liedern des frühen 16. Jahrhunderts

Wenn in den Liedern eines mittelalterlichen Dichter-Sängers jemand ‚Ich‘ sagt, dann kann man mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass er selbst dichtet, komponiert und von sich spricht (oder sich selbst inszeniert). Auch die Komponisten der Renaissance haben wohl zumindest einige ihrer Liedtexte selbst geschrieben, dennoch referiert das ‚Ich‘ ihrer Lieder nur in den seltensten Fällen auf sie selbst (die große Ausnahme ist zweifellos Senfl, Lust habʼ ich gʼhabt zur Musica). Im Überblick könnte man möglicherweise sogar sagen, dass die Komponisten die autobiographische Lesart gezielt ausschließen. Wenn überhaupt, dann thematisieren sie sich ausschließlich (und gern indirekt) als (exzellente) Musiker. Wer in ihren Liedern lebt, liebt und leidet, ist jemand anders. Die Gründe dafür sind weitgehend bekannt (Lieder als Angebot für Identifikation durch die Singenden, Auftragskunst etc.). Sie sollen in meinem Beitrag revidiert und ggf. neu perspektiviert werden: Wie und von wem wurden die Lieder biographisch (d.h. als Ausdruck es eigenen Lebens) verstanden und genutzt? Welche Art von biographischer Imagination oder Projektion liegt vor, und: Welche Rolle spielen die Komponisten? Was für ein künstlerisches Selbstverständnis kommt vielleicht gerade in der von ihnen dezidiert nicht auf das eigene Leben bezogenen Liedkunst zum Ausdruck?

 

Lütteken, Laurenz

Guillaume Dufay und die Entstehung der musikalischen Biographie
Die Frage, wann und wie eigentlich Musik in die Geschichte eintritt, ist zugleich verbunden mit der Frage, welche Rolle dabei eigentlich die Akteure spielen. Im 14. Jahrhundert läßt sich erstmals das Phänomen erkennen, daß Akteure sich weitgehend über Musik definieren - am deutlichsten vielleicht bei Johannes Ciconia. Guillaume Dufay ist jedoch der erste 'Komponist' in einem neuzeitlichen Sinn, also mit einem komplex gestaffelten OEuvre, einer 'gesteuerten' Überlieferung sowie einer Biographie, die sich wesentlich musikalisch definiert und, trotz der anderen Kontexte, musikalisch definieren wollte.

 

Meyer, Michael

Zwischen Panegyrik und Prosopographie: Musikalische Biographik im 16. Jahrhundert
Im 16. Jahrhundert gewinnt die Dokumentation musikalischer Autorität zunehmend an Bedeutung, sei es in Form ikonographischer Zeugnisse oder im Kontext musiktheoretischer Diskussionen. Insbesondere seit der Mitte des Jahrhunderts häufen sich auch Quellen, die biographische Informationen überliefern. Auffällig ist hierbei, dass neuzeitlich anmutende Lebensbeschreibungen in einer Gemengelage mit Anekdoten und mythologisierender Panegyrik auftreten. Der vorliegende Beitrag exemplifiziert diese unterschiedlichen Darstellungsmodi an Beispielen aus dem deutschsprachigen Raum und befragt sie hinsichtlich ihrer Funktionen und Wechselwirkungen. Betrachtet werden u.a. die vielzitierte und 1566 zum ersten Mal gedruckte Lasso-Biographie Samuel Quickelbergs sowie Sebastian Hornmolds bislang wenig gewürdigtes «Opus plane novum» von 1605, das eine Sammlung von biographisch informierten Elegien auf Komponisten- und Musikerpersönlichkeiten der Renaissance enthält. Überlegungen zu musik- und kulturgeschichtlichen Hintergründen runden den Beitrag ab.

 

Ory, Benjamin

The Life and Afterlife of Early Twentieth- Century German Biographies

As Renaissance music gained popularity in the early twentieth century, scholars shifted their focus from writing general music histories to publishing specific and specialized pieces of musical knowledge, in part through an emerging focus on biography. Works like Theodor Kroyer’s “Ludwig Senfls Leben und Wirken” (1903) and Joseph Schmidt-Görg’s Nicolas Gombert (1938) not only offered overviews of their composer's music, but also told a story about their figure's life—this, in spite of the relatively sparse documentary evidence that generally survives for Renaissance musicians. My contribution contextualizes more than a dozen biographies from the German-speaking world from 1900 up to Helmuth Osthoff’s landmark Josquin des Prez in the early 1960s. I show how early twentieth-century composer biographies used nationalism and confessional politics to justify their figure's importance, and I trace the long afterlife of these biographies for Renaissance studies today.

 

Schabram, Kai Marius

Das komponierende Ich. Überlegungen zu Selbst- beschreibungen von Komponisten im
16. Jahrhundert

Der Vortrag behandelt ausgewählte autobiographische Schriften von Komponisten der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Neben einer quantitativen Auswertung entsprechender Quellen soll (u. a.) der Frage nachgegangen werden, inwieweit diese Selbstbeschreibungen den Erzählmodellen der allgemeinen Autobiographik jener Zeit entsprechen oder ob sie aufgrund ihres musikalischen Bezugs besondere Akzente innerhalb der Textgattung bieten. Zu den behandelten Schriften zählen Selbstbeschreibungen etwa von Adrianus Petit Coclico (1552), Thomas Whythorne (c. 1576) und Valentin Neander (1583).

 

Wagner, Christoph
„Se non è vero, è ben trovato“: Der lange Schatten von Giorgio Vasaris "Viten" in der Kunstgeschichte

Wie keine andere Quelle stehen Giorgio Vasaris Viten als monumentales Dokument der neuzeitlichen Künstlerbiographik im Zentrum der Debatten um Glaubwürdigkeit, Evidenz und epistemologische Grenzen dieses Genres. Die Auseinandersetzungen zwischen künstlerisch-literarischen und wissenschaftlich-positivistischen Zugängen zur Biographie berühren methodologische Kernprobleme der gesamten Geschichtswissenschaft: Fragen zur Kausalität, Fakt vs. Fiktion, other minds oder Repräsentativität, die Abkehr von großen, linearen Heldenerzählungen und die Hinwendung zu fragmentierten persönlichen Geschichten eröffnen neue Perspektiven im historischen Kontext der diesbezüglichen zeitgenössischen Diskurse. Unter diesen Vorzeichen sind Vasaris rhetorischen Strategien, sein biographisches Storytelling, die architektonische Struktur der Vite und ihr literarischer Rang neu zu entdecken.

 

Wald-Fuhrmann, Melanie

Guillaume Dufay: Wie man (s)eine Biographie komponiert

Kein Komponist der Renaissance hat, so scheint es, so viel Zeugnisse seines eigenen Lebens komponiert wie Guillaume Du Fay. Von den frühen Anlassmotetten über Chansons der Freundschaft, Liebe und Geselligkeit bis hin zu der späten Sterbemotette ist Dufays Werk voller versteckter und offener Bezüge zu seinen Lebenswelten. Der Vortrag nimmt diese reichen Zeugnisse zum Anlass, die Frage nach Komponieren und (Auto)Biographik in der Musik der Frühen Neuzeit grundsätzlich und systematisch zu erörtern.

 

 

neu erschienen:
troJa 2022:
"Das italienische Madrigal" und die
Folgen

DOI: https://doi.org/10.25371/troja.v2022

Vorschau:

troJa 2026:

Das Werk im Leben –
                          das Leben im Werk.
Biographische Blicke auf Musik und Musiker der Renaissance

 

16.-18. April 2026


Staatl. Hochschule für Musik
Trossingen

Schultheiß-Koch-Platz 3
78647 Trossingen

– Aula –

 

Konzert

17. April 2026

Altes Rat- und Schulhaus

Kirchstraße 25

78647 Trossingen


Der Eintritt zu allen Teilen des wissenschaftlichen und musikalischen Programms ist frei.

Um Anmeldung per E-Mail wird gebeten:

m.meyer@doz.hfm-trossingen.de

oder

n.schwindt@doz.hfm-trossingen.de