Ankündigung
16.-18. April 2026, Staatliche Hochschule für Musik Trossingen
25 Jahre troJa
Das Werk im Leben - das Leben im Werk.
Biographische Blicke auf Musik und Musiker der Renaissance
Leitung: Prof. Dr. Michael Meyer, Prof. Dr. Nicole Schwindt (Trossingen)
Historische Biographik hat sehr unterschiedliche Forschungskonjunkturen erlebt. Nachdem ihr Erkenntniswert seit der strukturgeschichtlichen Ausrichtung der 1960er Jahre vermehrt angezweifelt wurde, erfährt der Blick auf Individuen und Subjekte seit der Jahrtausendwende eine unverkennbare Wiederbelebung. Wie in der allgemeinen Geschichtswissenschaft ist in den Kunstwissenschaften das Leben von Künstlern und Künstlerinnen seit einiger Zeit wieder ein viel diskutiertes Thema, das durch aktuelle Forschungsperspektiven bereichert wird. Beim biographischen Blick auf einst kreative Menschen sieht man sich nicht nur der generellen methodischen Problematik gegenüber, dass jede Lebensbeschreibung eine Konstruktion bedeutet; darüber hinaus eröffnet sich die Frage nach der Beziehung zwischen dem Leben und dem Werk, das die Betreffenden hinterlassen haben. Teils wurde ein Konnex von den Kunstschaffenden selbst erkennbar hergestellt, teils kann er nur von außen detektiert werden. Dabei ist es unentschieden, ob und wenn ja, in welchem Maße die gegenseitige Bezugnahme von Leben und Werk für das eine wie für das andere relevant ist.
Aus dieser Fragestellung wurden in der Musikgeschichtsschreibung sehr unterschiedliche Biographie-Konzepte hergeleitet, die ihrerseits auch in der musikwissenschaftlichen Forschung facettenreich diskutiert wurden. Doch die Zeit des sprichwörtlichen Individualisierungsparadigmas und der „Entstehung des Komponisten“ in Spätmittelalter und Renaissance blieb dabei weitestgehend ausgespart. Zu den Gründen dürfte gehören, dass selbst bei „großen“ Komponisten des 15. und 16. Jahrhunderts die Quellenbasis zu ihren Lebensumständen schütter ist und der Anspruch der Biographierbarkeit wegen der Bruchstückhaftigkeit der Information nur schwer eingelöst werden kann. Diese Herausforderung, vielleicht sogar Unmöglichkeit, aus den Datenfragmenten eine menschliche und künstlerische Identität zu eruieren oder auch zu konstruieren, steht indes im Kontrast zur ausdauernden und unbeirrten Suche nach biographischen Detailerkenntnissen.
Diesem Manko an Reflexion über Bedingungen der Renaissance-Musikerbiographik will die Tagung in zwei Schritten begegnen. Dabei soll einerseits ein Querschnitt der Geschichte der Musikerbiographik geboten werden, andererseits über die Frage nach der Verquickung von Leben und Werk in einer mehr systematischen Perspektive reflektiert werden. Für den historischen Zugang gilt es, die bisherigen Ansätze – von den Zeitgenossen bis zu heutigen Unternehmungen – auf ihre Voraussetzungen, Motivationen, Verfahren und Ergebnisse hin zu prüfen. Der systematische Zugriff soll sodann von der Frage geleitet sein, welche Optionen für die Vermittlung von Leben und Werk, von künstlerischem oder empirischem Subjekt und künstlerisch-produktivem Objekt bestehen – sei es, dass diese Verquickung von den Künstlern durch autobiographische oder selbstreflexive Verfahren intendiert war, sei es, dass sie durch den Akt der Interpretation nachträglich geschaffen wird.
Die Fokussierung auf Musiker und Komponisten wird durch Seitenblicke auf Bildende Künstler und Dichter ergänzt.
ÄNDERUNGEN VORBEHALTEN
Donnerstag, 16. April
18:30 Kunsthistorischer Abendvortrag
Christoph Wagner, Regensburg: Vero o ben trovato? Giorgio Vasaris Lebensbeschreibungen als Kunstgeschichten
Freitag, 17. April
9:00 Begrüßung (Michael Meyer, Trossingen)
9:10 Einführung in die Thematik (Nicole Schwindt, Trossingen)
Moderation: Nicole Schwindt
9:30 Eröffnungsvortrag
Laurenz Lütteken, Zürich: Guillaume Dufay und die Entstehung der musikalischen Biographie
10:30 Pause
Geschichte der Biographik
11:00 Michael Meyer, Trossingen: Zwischen Panegyrik und Prosopographie: Musikalische Biographik im 16. Jahrhundert
11:45 Kai Marius Schabram, Münster: Das komponierende Ich – Überlegungen zu
Selbstbeschreibungen von Komponisten im 16. Jahrhundert
12:30 Pause
Moderation: Antonio Chemotti, Leuven
14:30 Ina Knoth, Hamburg: Zwischen Biographieunwürdigkeit und Biographieunmöglichkeit: Anfänge der Renaissancemusik(er)reflexion im England des 18. Jahrhunderts
15:15 Fabian Kolb, Frankfurt a.M.: École Flamande – École Française – École Franco-Belge: Musik und Musiker der Renaissance im französischsprachigen biographischen Schrifttum des 19. Jahrhunderts
16:00 Pause
16:30 Benjamin Ory, Leuven: Leben und Nachleben deutscher Biografien des frühen 20. Jahrhunderts
17:15 Catherine Deutsch, Metz: Music: A Biographical Source for Women's History? Insights from Maddalena Casulana
18:00 Empfang
19:00 Konzert im Alten Rat- und Schulhaus
Madrigale von Maddalena Casulana und Luzzasco Luzzaschi (Studierende der Gesangsklassen Alte Musik der Musikhochschule Trossingen, Alfred Gross, Cembalo)
Samstag, 18. April
Moderation: Katelijne Schiltz, Regensburg
Kompositorische Selbstreferenz: Werke als Spiegel des Lebens?
9:30 Marcel Klinke, Heidelberg: Selbstreferenzialität und nationale Identität in den Messen Tomás Luis de Victorias
10:15 Cordula Kropik, Bayreuth: Das Leben der Anderen, oder: Warum die Komponisten der Renaissance in ihren Liedern (meistens) nicht über sich selbst reden
11:00 Pause
11:30 Wolfgang Fuhrmann, Leipzig: Selbstreferenz und (Pseudo-)Autobiographie in der Musik des Spätmittelalters
12:15 Melanie Wald-Fuhrmann, Frankfurt a.M.: Guillaume Du Fay: Wie man (s)eine Biographie komponiert
13:15 Ende
Mit Unterstützung durch die Staatliche Hochschule für Musik Trossingen und
gefördert von der pbb Deutsche Pfandbriefbank