Mainz, Johannes-Gutenberg-Universität, 10./11. Juni 2021

 

Josquin-Bilder im langen 20. Jahrhundert

Leitung: Prof. Dr. Klaus Pietschmann, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, in Verbindung mit Prof. Dr. Michael Custodis, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

 

 

10. Juni,   Abendvortrag

18:00 Uhr Christine Tauber: Die ferraresische Kunstszene 1503/04

 

Programm (Änderungen vorbehalten):

11. Juni

9:00 Uhr   Michael Custodis/Klaus Pietschmann: Begrüßung und Einführung

Moderation: Klaus Pietschmann

9:20 Uhr   Barbara Eichner: Der Noten Meister: Josquin in der bürgerlichen Geschichts-
                schreibung des 19. Jahrhunderts

10:00 Uhr Eric Jas: Why Josquin? The Society for Music History of the
                Netherlands (VNM) and the first Josquin edition

10:40 Uhr Pause
Moderation: Nicole Schwindt

11:10 Uhr Michael Custodis: Dem "Fürst der Musik". Politisierte Josquin-Topoi im populären
                deutschsprachigen Schreiben nach 1920

11:50 Uhr Melanie Wald-Fuhrmann und Wolfgang Fuhrmann: Carl Dahlhaus, Josquin des
                Prez und die Gerber-Schule

12:30 Uhr Mittagspause
Moderation: Katelijne Schiltz

15:00 Uhr Benjamin Ory: Der Josquin-Kongress 1971, Edward Lowinsky und die Rolle der

                Emigranten für die US-Renaissancemusik-Forschung der Nachkriegszeit

15:40 Uhr Vincenzo Borghetti: Wie man einen Renaissancekomponisten erzählt: Josquin auf
                dem Tonträgermarkt

16:20 Uhr Yehuda Epafroditus/Lara Fischer/Alina Seibel: Erinnerungen an Josquin
                (Willem Elders, Barbara Schwendowius und Harry Vogt)

 

Das Symposium wird digital durchgeführt. Um via Zoom teilzunehmen, wird eine Anmeldung per Mail an anmeldung-musikwissenschaft@uni-mainz.de bis zum 9. Juni 2021 erbeten.

 

Abstracts:

 

Barbara Eichner: Der Noten Meister: Josquin in der bürgerlichen Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts

Zwischen Josquins internationalem Ruhm im 16. Jahrhundert und seiner „Apotheose“ (um einen Begriff von Paula Higgins zu benutzen) in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts klafft eine Lücke, die die Musikgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts nur langsam füllte. In der Diskussion um die „Reinheit der Tonkunst“ und die „wahre Kirchenmusik“ spielte er noch keine Rolle, doch seit den 1830er Jahren erschienen, mit den bahnbrechenden Schriften Raphael Georg Kiesewetters und François-Joseph Fétis‘, die „Musik der Niederländer“ und damit auch Josquins Werke zunehmend im Rückspiegel der Geschichtsschreibung, zunächst noch auf der Basis der Musiktheoretiker, dann zunehmend durch Editionen und Beschreibungen seiner Werke. Da die Musikhistoriker (fast ausnahmslos Männer) des 19. Jahrhunderts nicht davor zurückscheuten, für ihre Darstellungen Meistererzählungen von Aufstieg, Fortschritt und Verfall einzuspannen, mussten sie sich der Frage stellen, ob Josquin noch der musikalischen „Vorzeit“ bzw. dem Mittelalter, oder schon der musikalischen „Neuzeit“ angehörte. Waren seine Werke noch den kontrapunktischen Künsteleien der Niederländer verpflichtet, oder schimmerte in ihnen schon das beseelte Kunstwerk der Gegenwart auf? Mein Vortrag wird diesen Fragen nicht nur anhand bekannter Größen der sich herausbildenden deutschsprachigen Musikwissenschaft nachgehen (z.B. Kiesewetter, Franz Brendel oder August Wilhelm Ambros), sondern auch durch eine Sichtung populärer Musikgeschichtsschreibung für das breite bildungsbürgerliche Publikum vornehmen: Wann wurde das Wissen um einen Komponisten wie Josquin zum Accessoire einer gediegenen Allgemeinbildung, und welche Rolle spielte es in den national, konfessionell und ästhetisch geprägten Musikdiskursen des „langen“ 19. Jahrhunderts?

 

Eric Jas: Why Josquin? The Society for Music History of the Netherlands (VNM) and the first Josquin edition

In 1919, the Society for Music History of the Netherlands decided to start publishing the works of Josquin. Albert Smijers was commissioned to prepare the music edition. That edition has played an important role in the study of Josquin's music in the 20th century. But why did a society for Dutch music history embark on the publication of the oeuvre of a composer who was presumably born in Hainaut? This paper examines how the Society came to its decision, which ideological starting points played a role, and who played a decisive role in the considerations that led to the famous Smijers edition.

 

Michael Custodis: Dem "Fürst der Musik". Politisierte Josquin-Topoi im populären deutschsprachigen Schreiben nach 1920

Üblicherweise werden populäre Musikgeschichten selten als eigenständiges Untersuchungsmaterial herangezogen, da sie nicht dazu gedacht sind, in spezialisierte Forschungsdebatten einzugreifen, sondern diese einer musikalisch interessierten, breiten Leserschaft zugänglich zu machen. Auf der Suche allerdings nach politisierten Josquin-Topoi in deutschsprachigen Texten des 20. Jahrhunderts, die dieser Beitrag vorstellen möchte, sind genau solche auf Popularität angelegte Schriften ein außergewöhnlich ausdrucksstarker Spiegel ihrer jeweiligen Entstehungszeit. Aufgrund ihrer niederschwelligen Gestaltungs- und Darstellungsart sind ihnen erstaunlich charakteristische Denkmuster zu entnehmen, die – wie anschließend zu diskutieren sein wird – mitunter stärker auf nationale und internationale Forschungsdiskurse zurückwirkten, als den dortigen oft kleinteiligen Debatten ohne diese Parallelpublizistik ansonsten anzumerken wäre. Dieses Wechselverhältnis politisierten Argumentierens und populärer Schreibstrategie soll mit Textauszügen zu Josquin u.a. von Fred Hamel, Richard Eichenauer, Helmuth Osthoff, Hans Joachim Moser und Curt Sachs nachvollzogen werden.
 

Melanie Wald-Fuhrmann und Wolfgang Fuhrmann: Carl Dahlhaus, Josquin des Prez und die Gerber-Schule

Zu den wesentlichsten Charakteristika der „gegenwärtigen deutschen Jugend“, wie sie der Soziologe Helmut Schelsky 1957 in seinem Buch Die skeptische Generation zusammenfasste, gehörte „Entpolitisierung und Entideologisierung des jugendlichen Bewußtseins“ (84), die er als den wesentlichsten Unterschied zu der vorangegangenen „politischen Generation“ in der Ära von den beginnenden 1920ern bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs darstellte. Sie sei ferner „bestimmt durch einen geschärften Wirklichkeitssinn und ein unerbittliches Realitätsverlangen“, das Schelski mit einem Begriff Theodor W. Adornos als Konkretismus bezeichnete (88f.).

Im Vortrag wird die These entfaltet, dass diese Merkmale nicht nur auf die Dissertation von Carl Dahlhaus zutreffen, sondern auf die gesamte Generation von Rudolf Gerbers Göttinger Dissertanten in der unmittelbaren Nachkriegszeit, zu denen besonders auch Gerhard Croll, Alfred Dürr, Lutz (Ludwig) Finscher und Rudolf Stephan zählen. Ein wissenschaftlicher Konkretismus, der allerdings nicht mit Positivismus ineins zu setzen ist, prägt die primär auf Quellenforschung und eindringliche Analyse konzentrierten, durchweg konkrete Gattungen im Werk eines Komponisten erforschenden Arbeiten, während ideologische Interpretationen, wie sie in Gerbers eigenen Publikationen in der NS-Ära verschiedentlich zu finden sind, vermieden werden.

Dahlhaus’ Studien zu den Messen Josquins des Prés (1952) wie auch seine frühen Publikationen bewahren – in auffälligem Gegensatz etwa zu Rolf Dammanns in Freiburg i. Br. bei Hermann Zenck und Willibald Gurlitt entstandenen Studien zu den Motetten von Jean Mouton (1952) – nüchterne Distanz zu geistesgeschichtlichen Schlagworten wie „Gotik“, „Renaissance“ oder „Humanismus“ und selbst zu dem beliebten „Wort-Ton-Problem“. Ihre eindringlich-detaillierten Analysen zwingen – wie die Arbeiten von Croll und Finscher – zur genauen Lektüre und zum Nachvollzug am Notentext.

In der Auseinandersetzung mit Gerbers eigenen Arbeiten nach 1945, den bei ihm erschienenen Dissertationen sowie weiteren Dokumenten und Paratexten soll versucht werden nachzuvollziehen, welche Rolle Lehrer und Schüler/innen bei der Ausprägung dieser Haltungen spielten und wie diese im Kontext der westdeutschen Nachkriegsmusikwissenschaft einzuordnen sind.

Da Dahlhaus’ Arbeit (wie die meisten Dissertationen der unmittelbaren Nachkriegszeit) unpubliziert blieb und er sich danach schwerpunktmäßig wieder von der Musik (nicht der Musiktheorie!) der Renaissance abwandte, fand eine maßgebliche Auseinandersetzung mit seinen Ergebnissen nicht statt, was sich gerade heute wieder als versäumte Chance eines Lernprozesses für die Disziplin beklagen lässt (Wiesenfeldt 2021, Einleitung).

 

Benjamin Ory: Der Josquin-Kongress 1971, Edward Lowinsky und die Rolle der         Emigranten für die US-Renaissancemusik-Forschung der Nachkriegszeit

Die Vereinigten Staaten waren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert nach der Emigration mehrerer Experten für die Musik des Mittelalters und der Renaissance zwischen 1933 und 1940 zum Zentrum der Alte-Musik-Forschung geworden. Nach dem Krieg hatte Edward Lowinsky von diesen europäischen Emigranten die längste und prominenteste Karriere. Seine Forschungsbeiträge zu verschiedenen Themen des 15. und 16. Jahrhunderts waren grundlegend für dieses expandierenden Forschungsgebiet. Sein Fokus auf Josquin des Prez und seine Organisation des Josquin-Kongresses 1971 trugen dazu bei, den Komponisten zum ‚Star‘ zu propagieren.
Der überwiegende Teil der Forschung dieser Renaissance-Experten stellt eine Kontinuität zu der deutschen Forschung der Vorkriegszeit dar, mit einem Schwerpunkt auf wissenschaftlicher Recherche und einem starken Akzent auf der Material- und Quellenkenntnis. Im Gegensatz dazu legte Lowinsky den Fokus auf eine Verortung in der Geistesgeschichte. Meine These sieht Josquin als Kristallisationspunkt für drei langjährige Interessen von Lowinsky, die musikalische und kulturelle Bereiche berühren: die Anwendung der musica ficta, die die Entwicklung einer neuartigen Chromatik und Modernität verdeutlicht; die Überzeugung, dass im späten 15. Jahrhundert einen Übergang von sukzessiver zur gleichzeitigen Konzeption stattgefunden hat; und eine unerschütterliche Überzeugung, dass der Mensch Josquin eine bemerkenswerte Figur war. Jede historische Neubewertung des Josquin-Kongresses muss sich mit diesen drei Annahmen von Lowinsky auseinandersetzen.

 

Vincenzo Borghetti: Wie man einen Renaissancekomponisten erzählt: Josquin auf dem         Tonträgermarkt

Seit den Anfängen der modernen Musikgeschichtsschreibung hat Josquins Musik allmählich eine Position wiedererlangt, die derjenigen zu Lebzeiten des Komponisten und in den Jahrzehnten nach seinem Tod vergleichbar ist, als der Mythos von Josquin entstand und sich konsolidierte. Es ist eine zentrale Rolle, die in erster Linie durch die Geschichtsschreibung wiedererlangt wurde: Tatsächlich waren es die Musikgeschichtsdarstellungen und die Denkmälerausgaben des 19./frühen 20. Jahrhunderts, die Josquins „Größe“ durch ihre Narrative re-konstruierten, die dann auf eine Vielzahl anderer Texte, Bilder, Objekte weiter ausstrahlten und dadurch bestätigt wurden. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde dieses historiographische Narrativ auch in anderen Medien zum Ausdruck gebracht: den Tonträgern. Insbesondere seit der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg ist die Musik von Josquin, wie die von anderen Komponisten der Renaissance, mehr und mehr zum Teil des Musiklebens geworden. In einer zunehmend stark mediatisierten Gesellschaft war und ist diese andere zentrale Rolle hauptsächlich durch Aufnahmen möglich. Sie beruht vor allem auf dem Anhören von CDs und in geringerem Maße auf der Teilnahme an Live-Events: Durch Schellackplatten, LPs, Kassetten, CDs usw. ist die Musik von Josquin seit der Renaissance wieder zu einem Klangerlebnis geworden. Wenn aber die ideologischen Hintergründe der historisch-musikalischen Narrative über Josquin seit den letzten Jahrzehnten Gegenstand musikwissenschaftlicher Untersuchungen geworden sind (man denke zum Beispiel an Paula Higgins’ Studien), wurde den Aufnahmen von Josquins Musik eine vergleichbare Aufmerksamkeit bislang nicht zuteil, zumindest nicht als erklingende Beiträge zu dem historiographischen Narrativ über den Komponisten. Und das trotz ihrer Bedeutung und Verbreitung als Kultur- und Unterhaltungsmedien, die im Gegensatz zu den Musikgeschichtsdarstellungen bzw. Ausgaben vielen, wenn nicht allen einfacher zugänglich sind, und die ein nach Belieben wiederholbares Erlebnis dieser Musik erlauben. Mein Vortrag konzentriert sich daher auf die Musik von Josquin, wie sie ungefähr seit den 1950er Jahren von der Plattenindustrie gefördert wurde. Ich werde über die historiographischen, kulturellen und ideologischen Voraussetzungen und Ziele dieser Aufnahmen reflektieren, die in den letzten sechzig Jahren Josquin durch erklingende Musik „erzählt“ haben, um zu zeigen, in welchem Maße sie den Diskurs über den Komponisten und die Musik der Renaissance mitprägten.

 

 

 

 

neu erschienen: https://doi.org/10.25371/troja.v2016