Bremen, 9./10. März 2017

 

 Die Musik im Kommunikationsprozess der Reformation 

Leitung: Prof. Dr. Jürgen Heidrich, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
in Verbindung mit der Bremischen Evangelischen Kirche und der Hochschule für Künste, Bremen

 


Programm

 

Donnerstag, 9. März

 

17.00 Uhr Kapitelhaus der St. Petri Domgemeinde Bremen
Domsheide 6-8, 28195 Bremen

Begrüßung und Grußworte
Prof. Dr. Jürgen Heidrich, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Edda Bosse, Präsidentin der Bremischen Evangelischen Kirche

 

17.15 Uhr Eröffnungsvortrag: „… dass das Evangelium auch durch den Gesang unter den Leuten bleibt.“ Funktion und Bedeutung von Liedern und Musik in der frühen Reformationszeit

Prof. Dr. Dr. Johannes Schilling, Kiel

 

19.00 Uhr Konzert: St. Petri Dom zu Bremen
Sandstraße 10-12, 28195 Bremen
"Te Lutherum damnamus." Konfessionelle Propaganda im 16. Jahrhundert

Ensemble Weser-Renaissance Bremen

Leitung: Prof. Dr. Manfred Cordes

 

Freitag, 10. März

 

Symposiumsvorträge: Kapitelhaus der St. Petri Domgemeinde Bremen
Domsheide 6-8, 28195 Bremen

 

9.00 Uhr Einführung
Prof. Dr. Jürgen Heidrich, Münster

 

9.15 Uhr
Zwischen Intimität und Militanz
Der evangelische Choral als Glaubenslied und protest song

Dr. Johann Hinrich Claussen, Berlin

 

10.00 Uhr Kaffeepause

 

10.30 Uhr

Einblattdrucke mit Noten  ein (Massen)medium der Konfessionalisierung?

Dr. Elisabeth Giselbrecht, London

 

11.15 Uhr
"Es mögen euch viel fechten an …" – Desillusionierungen zur Kirchenliedüberlieferung im 16. Jahrhundert

Dr. Hans-Otto Korth, Halle

 

12.00 Uhr Mittagspause

 

14.00 Uhr

Messen und Motetten als Propagandamedium in der Reformationszeit

Prof. Dr. Klaus Pietschmann, Mainz

 

14.45 Uhr

Zwischen Vereinnahmung und Gestaltungswille – Ludwig Senfl und der Musikhunger der Reformation

Dr. Sonja Tröster, Wien

 

15.30 Uhr Kaffeepause

 

16.00 Uhr

Die deutsche Psalmmotette im Kommunikationsprozess der Reformation

Prof. Dr. Jürgen Heidrich, Münster

 

16.45 Uhr

Bildungsraum und Raumbildung – Die albertinischen Fürstenschulen und die Reformation der mitteldeutschen Kirchenmusikpflege

Dr. Stefan Menzel, Weimar

 

17.30 Uhr Schluss und Verabschiedung

 

Änderungen vorbehalten

 

Kontakt:
Prof. Dr. Jürgen Heidrich, Westfälische Wilhelms-Universität, Musikwissenschaft, Philippistraße 2b, D-48149 Münster, Tel.: +49 251 83-24451, juergen.heidrich@uni-muenster.de

 

Um Anmeldung unter juergen.heidrich@uni-muenster.de bis zum 3. März 2017 wird freundlich gebeten.

 

 

Zum Thema

Dass die reformatorische Bewegung als ein vielschichtiger Kommunikationsprozess begriffen werden muss, ist unstrittig: Insbesondere deren Frühzeit kann als ein Vorgang verstanden werden, „dessen Verlauf und dessen Dynamik durch Kommunikation, das heißt den Austausch von Mitteilungen und die Verständigung über diese“ gekennzeichnet ist (Moeller 2001). Unabdingbar erschien sämtlichen beteiligten politischen wie religiösen Parteien und Strömungen, eine regelrechte ‚reformatorische Öffentlichkeit‘ nicht nur herzustellen, sondern in die Gestaltungsprozesse einzubinden, im weiteren Sinne insbesondere für die eigene Position zu gewinnen. Und so hat sich mit Blick auf die reformatorische Bewegung die Vorstellung eines kommunikationswissenschaftlichen Medienereignisses durchgesetzt, das durch den Wandel von einer „Kommunikation unter Anwesenden“ zur „medialen Kommunikation“ gekennzeichnet ist (Schlögl 2008). Zugleich ist ein anderer Transformationsprozess bemerkenswert: Galt als wesentliche vorreformatorische Intention des Publikationswesens die Vermittlung bzw. Konservierung von Wissen, so wandelte sich nun der Charakter des Schrifttums in Richtung der Vermittlung von (aktuellen) Meinungen (Moeller 2001). Wichtige Zentren des Publikationswesens waren zunächst Augsburg, Basel, Leipzig, Nürnberg und Straßburg; alsbald trat auch Wittenberg hinzu: Bereits nach wenigen Jahren war die Stadt der Reformation hinter Augsburg die zweibedeutendste im Blick auf die Produktion reformatorischen Schrifttums. Dass sich dessen Herstellung und Verbreitung zum Teil nur gegen erhebliche Widerstände, ja eine regelrechte Zensur durchsetzen ließ, sei nur am Rande erwähnt. Die Aufzählung der Druckorte verweist allerdings noch auf einen anderen Sachverhalt: Der Kommunikationsprozess der Reformation war ein „urban event“, und eine „reformatorische Öffentlichkeit“ war zunächst insbesondere in den Städten zu erreichen.

Selbstverständlich blieben die reformatorischen publizistischen Aktivitäten nicht unwidersprochen: Zahlreiche altgläubige Kontroversschriften suchten auf die reformatorische Provokation zu reagieren. So haben zwischen 1518 und 1525 mehr als fünfzig Autoren, vorwiegend aus dem geistlichen Milieu, in mehr als 170 Schriften gegen Luther und seine Sache Stellung bezogen; der publizistische Erfolg dieser Texte wird eher als gering eingestuft, deren Wirkmächtigkeit war offenbar sehr begrenzt. Zentraler Ort der katholischen Druck- und Publikationstätigkeit war offenbar Leipzig, wo zeitweise etwa die Hälfte der anti-lutherischen Texte erschienen, darunter das erste katholische Gesangbuch überhaupt (Michael Vehe, Leipzig 1537).

Die mediale Vielfalt, gewiss auch infolge der Erfindung des Buch- und Notendrucks, ist erstaunlich: Überliefert sind Flugschriften, illustrierte Flugblätter, theologische Texte unterschiedlicher Couleurs und Formate, schließlich auch solche Medien, die im weitesten Sinne Musik enthalten. Dass die Reichweite und Wirkmächtigkeit dieser Zeugnisse zum Teil erheblich gewesen sein dürfte, legen die Auflagenzahlen ohne weiteres nahe: Allein für das Jahr 1524 wird die Veröffentlichung von 2,4 Millionen Flugschriften angenommen (Köhler 1986). Und nur zwei Jahre, nachdem Martin Luther, vor Melanchthon und Karlstadt der sicher wirkmächtigste Autor, seine publizistischen Aktivitäten im Jahre 1517 aufgenommen hatte, kursierten bereits um die 200.000 Exemplare seiner Schriften. In welcher Weise und in welchem Umfang diese Schriften im Detail gelesen und rezipiert wurden, ist freilich nicht einfach zu beurteilen. In Erinnerung zu bringen ist etwa, dass maximal 10% der Bevölkerung des Lesens kundig waren: Einerseits trugen illustrierte Medien dazu bei, gerade diesen Adressatenkreis zu erreichen, andererseits konnte die soziale Schwelle durch das Vorlesen der Schriften im öffentlichen oder privaten Rahmen (zum Teil in förmlichen Andachtsstunden) überschritten werden.

Wo in diesem Spektrum publizistischer Medienvielfalt lässt sich nun die Musik verorten?

Mediale Zeugnisse, in denen die Musik eine Rolle spielt, sind etwa Lied-Einblattdrucke, Gesangbücher, mehrstimmige Liedsammlungen, sodann, im weiteren Sinne, musikalische Repertoires für Schule und Gottesdienst, schließlich Motetten(-sammlungen), die einerseits ihre propagandistische Wirkung durch beißenden Spott zu erreichen suchten, andererseits als regelrechte Kommentare zu tagespolitischen Ereignissen gedeutet worden sind (Pietschmann 2006, Dehnhard 1971, Steude 1978). So vielgestaltig also die medial genutzten Gattungen im Einzelnen waren, so unterschiedlich verliefen die Kommunikationsprozesse im Detail, und je nachdem, ob die Perspektive auf Verfasser, Adressaten, Inhalte, Intention oder Rezeption geweitet wird (Nieden 2012), lassen sich differenzierte Fragestellungen formulieren, denen das Symposium nachgehen möchte.